"Der Abendländer, der auf dem Mond landet, findet dort die Bestätigung seiner eigenen Wirklichkeit" (Ernst Jünger)

 
 

Tracklisting

PREQUIEM

PRELUNE

TRANSIT

RANDOM FRIDAY

FUTOURIST

ICB

PLEROMA

VILLA CASTALIA

INTERLUNE

CHALET de la LUNE

ARISTARCHUS

NEW MOON CEREMONY

LUNATIC COUNCIL

BLACK CIRCLE

VERNISSAGE

ECCE ROBO

MAGIC MOOVER

KRATER HOLZIG

DEATH RATTLE

TERMINATOR

DIE USE RETIRE

KATANA

MANDARIN

SUNSHINE

 

PRELUNE

"Wir alle liegen in der Gosse, aber manche von uns blicken zu den Sternen empor" (Oscar Wilde)

Mein Name ist Darian.

Ich wurde in London geboren, am 11. September 2001 – sicherlich nicht nur für meine Mutter ein unvergesslicher Tag. Mein Vater dagegen war vor meiner Geburt spurlos verschwunden, und bis zu meinem zweiundvierzigsten Geburtstag hatte ich angenommen, dass er nichts von meiner Existenz wusste. Aber dann bekam ich Post.

Zwei Briefe. Der erste war der alljährliche Gruß meiner Mutter, abgestempelt in Indien und mit einer selbstgebastelten Marke frankiert. Offenbar hatte sie sorgfältig den weißen Zackenrand einer echten Briefmarke abgetrennt und ein kleines Selbstportrait hineingefügt; sie trug darauf eine rote Winterjacke, eine Schneebrille und lachte, im Hintergrund war der Mount Everest zu erkennen. Damit es noch echter aussah und der Brief auch wirklich abgestempelt würde, hatte sie eine Portozahl und den Schriftzug HUNDERT JAHRE HIMALAJA hineinkopiert. Dort lebte sie seit Jahren in diversen Aschrams und kommunizierte ausschließlich auf dem Postweg. Da sie nie einen Absender angab und so ihre Unerreichbarkeit zelebrierte, war dies eine sehr einseitige Angelegenheit - sie erkundigte sich nie nach meinem Befinden, da ich ihr ohnehin nicht antworten konnte.

Der zweite Brief war allerdings eine Überraschung: ein Einschreiben einer Anwaltskanzlei aus Rom, einer Sozietät namens Pautsch und Gatera. Ich las zu meinem Erstaunen, dass ich dort bitte persönlich erscheinen möge, um einige Papiere zu unterzeichnen. Ein Aktienpaket. Von meinem Vater.

Verblüfft ließ ich das Schreiben sinken und schaute aus dem Fenster in den verschneiten Londoner Septemberhimmel. Seit Jahren hatte ich nicht mehr an meinen Vater gedacht, schließlich gab es auch nichts, woran ich hätte denken können. Meine Mutter hatte nie viel von ihm erzählt. Ich wusste nur, dass sie sich im Jahr 2000 beim Burning Man in der Wüste von Nevada kennengelernt und einige Monate später auf einer Full Moon Party in Thailand wiedergetroffen hatten. Und da war es wohl passiert. Sie hatte mir nie ein Bild von ihm zeigen oder auch nur seinen Namen nennen können - wenn ich mir ihre Fotos von damals anschaue, wie sie so unterwegs war, dann wundert mich das auch nicht. Bis zu diesem Tag hatte ich nicht einmal gewusst, dass er überhaupt noch lebte, und nun ließ er mir über eine römische Anwaltskanzlei ein Aktienpaket zukommen.

So kam es, dass ich bald darauf zum ersten Mal in die Ewige Stadt reiste.

 

TRANSIT

"Die Raumfahrt ist eines der Indizien dafür, dass der Arbeiter in den Herrenstand getreten ist" (Ernst Jünger)

Ich folgte Tony mit meiner Tasche an den dicht geparkten Fahrzeugen vorbei und roch die künstliche Luft von Levania: etwas metallisch und mit ganz leichtem Geruch von Schießpulver, dem Geruch des Mondstaubs. Ich atmete sie mit tiefem Einverständnis, mit Selbstverständlichkeit und gutem Behagen. Nach dem Gang durch eine längere Halle gelangten wir zur Rotunde, wie Tony mir erklärte - einem hohen zylinderförmigen Raum mit einigen Durchgängen in der umlaufenden runden Wand. Sie war zugleich Rezeption und die zentrale Verteilerlobby von Levania, wie in einem ganz normalen Hotel. Hinter dem Tresen stand eine junge Frau.

„Darian, ich übergebe dich jetzt an Mademoiselle Lunette. Bei ihr bekommst du deinen Zimmerschlüssel und alles weitere“, grinste Tony und gab mir die Hand. „Wir sehen uns bestimmt noch. Viel Spaß.“

Ich sah ihm nach, wie er mit dem Vogelkäfig in der Hand in einem der Gänge verschwand. Erst jetzt bemerkte ich verblüfft, dass in der Mitte der Rotunde etwas auf einem Podest aufgestellt war - eine verkleinerte Kopie des Reiterstandbildes des Kaisers Marc Aurel, dass ich kürzlich noch in Rom gesehen hatte. Sein zum Gruß erhobener Arm deutete auf den Schriftzug über der Rezeption: LEVANIA – THE LAST RESORT.

 

RANDOM FRIDAY

"Nichts langweilt den gewöhnlichen Menschen mehr als der Kosmos" (Walter Benjamin)

Mein neues Zuhause für die nächsten drei Wochen befand sich auf der rechten Seite des weiß schimmernden Flurs; nicht ganz in der Mitte, sondern etwas weiter hinten. Ich öffnete die Tür zur Suite Nummer sieben und erschrak. Ich schaute direkt in den schwarzen Sternenhimmel über grauer Mondschaft. Es war der Blick durch die dunkle Suite, auf die Terrasse dahinter.

Die Beleuchtung fuhr langsam hoch, dazu lief die Mondscheinsonate von Beethoven. Ich trat ein, stellte die Tasche ab, und ließ mich auf die dünne Matratze fallen. Noch nie hatte ich mich so schwer gefühlt, obwohl ich hier nur vierzehn Kilo wog. Die Sonate verklang, und eine Stimme ertönte: „Herzlich willkommen in Levania, Mr. Curtis!“ Ich öffnete die Augen. An der Wand die Projektion eines alten Mannes mit weißem, fusseligem Bart. Sir Richardson. Die Fernbedienung lag zum Glück neben dem Bett, ich wollte jetzt meine Ruhe.

Wie spät mochte es sein? Aus alter Gewohnheit flüsterte ich „Zeit“, aber die Kontaktlinsen funktionierten auf dem Mond nicht, seitdem die Chinesen hier das EyeNet stillgelegt hatten. In meinem Sichtfeld erschien keine Einblendung, aber das Zimmer hatte mich gehört, und eine weibliche Stimme sagte leise „17:07 Uhr.“ Die Rezeptionistin, Mademoiselle Lunette, hatte mir mitgeteilt, dass das Dinner um acht in der Lounge starten würde. Was für Uhrzeiten waren das eigentlich? Greenwich? Houston? Auf jeden Fall war es hier Nachmittag und bis zum Abendessen noch eine Weile hin. Ich löste mein hellgrünes Halstuch, warf es gegen das Terrassenfenster, das den Weltraum aus dem Zimmer fernhielt, und schaute mich um. Keinerlei Dekoration, kein Bild an den Wänden, nichts. Die einzigen Farbtupfer waren das hellgrüne Knäuel vor der Scheibe und die blaue Erde im schwarzen All.

Die Suite hatte die Größe eines normalen Hotelzimmers und war zur Terrasse hin komplett verglast. Dort draußen standen zwei Deckchairs, ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Was mich am meisten faszinierte, war die Box von der Größe einer Telefonzelle, die in die gläserne Außenwand eingelassen war: die Luftschleuse.

Ansonsten sah es hier beinahe aus wie in den iFlats, in denen ich oft gewohnt hatte - Apartments, auf der ganzen Welt identisch eingerichtet, weiß und minimalistisch, man fand sich sofort zurecht. Dafür zahlte man eine Flat-Rate und hatte überall eine Unterkunft, ohne große Formalitäten. Die Apple-Zentrale in Shanghai hatte lästige Anmeldungen des Wohn- oder Steuersitzes überflüssig gemacht, als iFlat-Bewohner genoss man so etwas wie eine virtuelle Apple-Staatsbürgerschaft. So hatten sie zwar Zugriff auf meine Daten, aber wenn ich irgendwo in ein neues Apartment kam, waren immer die richtigen Sachen im Kühlschrank.

 

FUTOURIST

"Alle Beschreibungen der Wirklichkeit sind nur vorläufige Hypothesen" (Buddha)

Ein livrierter Kellner tauchte auf, ein Inder oder Pakistaner vielleicht, der geflissentlich mit weißen Handschuhen vier Gläser auf den Tisch stellte und eine Flasche Champagner öffnete. Krug. Er füllte zwei der Gläser, vollführte eine Verbeugung und verschwand wieder. Alain trank, ohne in meine Richtung zu schauen. Sein Spiegelpulver schien zu wirken, er schniefte und wurde beinahe gesprächig. „Touriste, ne c´est pas?“

Ich hätte fast oui gesagt, stattdessen nickte ich nur.

„Sind dir die Reiseziele ausgegangen?“ Alain sah mich an, eigentlich zum ersten Mal, seit wir in seiner grauen Nische saßen.

„Könnte man so sagen“, antwortete ich.

„Es ist ja auch nicht mehr viel Zeit, nicht wahr?“, sagte Alain und wischte seinen blonden Scheitel zur Seite. „Und ihr bedauert das, ihr dreht alle völlig durch.“ Er deutete mit seinen langen bleichen Fingern zu der bunten Gesellschaft in der Lounge. „Aber es gibt nichts zu bedauern, wir haben alles erlebt, nous sommes fini! Oder hast du etwa irgendwas verpasst, irgendetwas ausgelassen dort unten auf der Erde?“

„Nein … aber es geht ja nicht allen Leuten so.“

„Alle Leute!“ Alain schniefte verächtlich.

„Lebst du hier?“, fragte ich.

„Ich habe Häuser, auch hier.“ Alain ließ seine Finger verächtlich kreisen, als gehörte ihm ganz Levania. „Ich bin immer dort, wo ich gerade bin - und wo ich bin, ist es gut. Ich halte mich nie an schlechten Orten auf, das wäre unmöglich. Und wenn es keine guten Orte mehr gibt …“ er deutete durch die Öffnung des Alkovens auf die Erde über der Bar. „… dann werde ich auch nicht mehr sein. Es gibt dann keinen Verlust, nichts zu bedauern, rien de regretter. Wo ist also das Problem?“ Er schniefte und nahm erneut einen tiefen Schluck Krug.

„Und was machst du so, auf dem Mond?“, fragte ich.

„Urlaub. Und ich gehe meinen Geschäften nach, Immobilien. Ansonsten draußen Boule spielen, hauptsächlich. Feiern und Champagner trinken - er perlt hier ganz vorzüglich, bei der gravitation lunaire. Ich habe auch Freunde hier, zwei von ihnen müssten gleich kommen. Mon dieu, was ist jetzt los?“

Lautes Johlen und Jauchzen. Ein weiterer bunter Trupp rauschte in die Lounge. Sie sahen aus, als kämen sie gerade von einer Party. Wir beobachteten aus der Deckung der grauen Nische, wie die Neuankömmlinge von ihren Freunden in der Lounge ausgelassen begrüßt wurden.

„Moonatics“, schnaufte Alain abfällig.

„Moonatics?“

„Mond-Hippies - noch ungewaschener als auf der Erde.“

 

ICB

"Die Welt ist ein einzig lebendiges Wesen, ein Weltstoff und eine Weltseele" (Marc Aurel)

Ein Punkt machte mich noch neugierig: Blast-Gallery. Als ich ihn anwählte, geschah zunächst einmal nichts. Doch dann blitzte plötzlich in New Mexico ein roter Punkt auf, dazu ertönte im ganzen Spielzimmer ein düster-dumpfes Fump. Nach einer kurzen Pause geschah das gleiche in Japan. Fump. Direkt danach wieder in Japan. Fump.

Kurze Pause, dann wieder New Mexico. Fump. Fump. Fump. Russland. Die Südsee. Nordafrika. Australien. Später China. Fump. Fump. Fump.

Es waren die Atombomben-Explosionen seit 1945, in chronologischer Reihenfolge. Die Detonationen wurden durch rote Blitze dargestellt, die zunehmend größer wurden, denn es wurde nicht nur ihr zeitlicher Ablauf gezeigt, sondern auch deren Stärke. Zeitweise schien im Südwesten der USA ein Nuklearkrieg zu toben; ein Atomtest nach dem anderen, es hörte gar nicht mehr auf. Die roten Punkte überlagerten sich zu einem apokalyptischen Wummern, als gleichzeitig auch Blitze in Russland, China und der Südsee aufleuchteten. Im Display über dem Nordatlantik lief dazu ein Zähler. Es war unfassbar. Über zweitausend detonierte Atombomben. In den 1990er Jahren wurde es schlagartig ruhiger. Und dann ging es wieder los, hier und dort, aber zum Glück war uns bisher der große Krieg erspart geblieben.

Durch die vielen roten Leuchtblitze auf dem Globus schimmerte das Spielzimmer zum Beat des atomaren Wahnsinns. In einem der Alkoven saßen ein fetter Mann und ein kleiner Junge. Sie grinsten. Ich hatte sie vorher nicht bemerkt.

 

PLEROMA

"I´m feeling supersonic, give me Gin and Tonic" (Oasis)

Wir stiegen aus, holten die Säcke und Taschen hinten aus dem Wohnmobil und trugen sie zur Schleuse. Sie wurde von innen leergeräumt, erst danach war Platz für uns. Grünes Licht, die Innentür öffnete sich. Wir nahmen unsere Helme ab.

Verblüfft schaute ich mich um. Das Apollo schien einem Lehrbuch für gemütliche Hippie-Höhlen zu entstammen. Voll mit Leuten. Freaks, hübsche Frauen, Haare, Tattoos und nackte Haut. Musik. Überall luftgefüllte Kissen. Raumanzüge und Helme achtlos übereinander gehäuft, die Overalls bunt eingefärbt. Hier waren sie nun also – die Moonatics, in ihrem Element und Zuhause. Manche der Gesichter kannte ich bereits, die Hippie-Saaltöchter aus der Lounge oder Ziggy Lunaliscious, aber hier in ihrer natürlichen Umgebung schienen sie weniger aus dem Zusammenhang gerissen.

Ich fühlte mich sofort wohl. Love and Peace, wo bitte musste ich unterschreiben? Während Christopher seine Mitbringsel verteilte, ging ich an die Bar und ließ mir von Ziggy einen Gin-Tonic geben. Ich verzog mich damit in eine Ecke und betrachtete staunend das Spektakel. Es war völlig surreal, plötzlich in einem Café voller Hippies zu sitzen. Was machten die auf dem Mond? Wie konnten sie es sich leisten, hier zu sein?

 

VILLA CASTALIA

"Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft" (Jean-Paul Sartre)

Ich wurde durch ein Kitzeln auf der Stirn geweckt. Reflexartig griff ich dorthin und öffnete die Augen. Es war eine der Gläsernen Bienen aus dem Gewächshauskrater, die transparent schimmernd davonschwirrte. Verwundert und verschlafen schaute ich ihr hinterher. Ich lag auf dünnen Kissen. Neben mir auf Augenhöhe eine niedrige Tischplatte, darunter grüne Wasabi-Nüsse auf dem Boden verstreut. Es war nicht meine Suite, sondern der Chillout-Alkoven der Villa Castalia. Ich richtete mich auf. Es roch nach Kaffee. Er stand vor mir auf dem flachen Tisch, daneben eine abgewetzte Broschüre: „Villa Castalia – Seminare 2044/45“. Ich blätterte darin, während ich an der Tasse nippte.

Gastdozenten. Workshops. Randalls Yoga-Kurse. Meditationszirkel „en plain air - im gemütlichen Mini-Krater Samadhi.“ Fastenkurse: „Zur Förderung der Verdauung zweimal täglich ein Glas Wasser mit etwas hineingerührtem Regolith.“ Reiki. Craniosacral. Chakra-Balancing. Amüsiert las ich, dass Bongo-Paul bald einen Vortrag halten würde, „… warum der Mond hohl und ein künstlich erschaffenes Gebilde ist. Kann es wirklich Zufall sein, dass Mond und Sonne von der Erde aus gesehen exakt die gleiche Größe haben …?“

Mein Favorit in der Broschüre war aber die „monatlich stattfindende Urschrei-Therapie“, einen Tag vor Neumond, an dem man hinaus in den Oceanus Procellarum fuhr und sich dort die Seele aus dem Leib und in die Helmmikrofone schrie. Ich musste unbedingt Harry fragen, ob dies auf dem Offenen Kanal übertragen wurde, es wäre sicherlich ein großer Spaß, es an der Bar bei einem Gin-Tonic zu verfolgen.

„Guten Morgen.“

An der gegenüberliegenden Seite des kleinen Tisches hockte plötzlich jemand im Lotussitz auf einem Stapel Kissen und schaute mich an. Ein kräftiger Mann mittleren Alters mit hoher Stirn und schwarzen Locken, buschigen Augenbrauen, einer frivolen Nase und entwaffnendem Grinsen. Über seinem kanariengelben Overall baumelte eine Muschelkette um einen breiten Hals.

 

INTERLUNE

"The only hope for the world is intelligent women" (Mary Pinchot Meyer)

Ich schaute auf meine Uhr. Vier Uhr morgens, immer noch in der Grauen Nische. Allmählich hatte ich Übung darin, an seltsamen Orten aufzuwachen. Das Große Fenster und die transparente Kuppel waren wegen der nächtlichen Uhrzeit und des Sonnenlichts in einem dunkel abgetönten Modus; von der seit vorgestern gleißend hellen Mondschaft drang nur ein schwacher Schimmer hinein, zu dieser Stunde eine Art Notbeleuchtung. Ich rieb mir die Augen und genoss für eine Weile das ungewohnte Gefühl, allein mit der nächtlichen Lounge zu sein.

Als ich mich schließlich aufraffte und aus der Nische schlängelte, zuckte ich zusammen und erstarrte. Da war etwas im Halbdunkel, was normalerweise dort nicht hingehörte. Ich sah genauer hin. Genau in der Mitte des Saals, über dem vertieften Speisebereich, ungefähr auf meiner Augenhöhe – schwebte etwas im Raum: eine silbrig glänzende Luftmatratze. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder. Es war tatsächlich eine silbrig glänzende Luftmatratze.

Seitlich hingen nackte Arme an ihr herunter, sie vollführten rudernde Bewegungen. Die Matratze schwebte langsam in meine Richtung. Auf ihr lag bäuchlings eine Frau mit langen braunen Haaren, die über ihre Schultern hingen. Sie war nur mit einem Bikini bekleidet und kam langsam herangeschwebt. „Hallo. Ich bin Ophelia.“ Sie fuhr sich mit ihrem Arm, auf dem in ganzer Länge eine Schlange eintätowiert war, lächelnd durch die Haare.

„Von allen Begegnungen, die ich bisher in Levania hatte, ist dies die seltsamste, aber auch die charmanteste“, faselte ich.

„Bringen dich Frauen so durcheinander?“

„Nur, wenn sie nachts durch die Gegend schweben.“

„Deswegen heißen die Dinger Luftmatratzen“, säuselte Ophelia. „Aber diese ist mit Heliumcarbonat gefüllt. Bei der Schwerkraft hier funktioniert das ganz wunderbar, wie du siehst.“

 

CHALET de la LUNE

"Wir sind alle Würmer, aber ich bin ein Glühwürmchen" (Winston Churchill)

Beim Einchecken hatte ich noch angenommen, dass Hector zur Crew gehörte, was wohl an seiner weißen Kleidung lag. Irrtum. Wie ich im Laufe des Nachmittags herausbekommen hatte, war Hector auf dem Mond hauptsächlich als Freelancer auf eigene Rechnung in einem Wohnmobil unterwegs. Seine Wege führten ihn zu sämtlichen Stationen und Hotels, wobei er die offiziellen Straßen nur in Ausnahmefällen nutzte, denn mittlerweile hatte er sich sein eigenes Wegenetz geschaffen, auf dem er sich weitgehend unbemerkt bewegte. Er war über eine Geheimfrequenz zu erreichen, die aber so geheim nicht war, denn Hector war überall bekannt, wenn auch nur inoffiziell. Offiziell kannte ihn niemand. Während der Mondnacht näherte er sich seinen Terminen immer mit ausgeschalteten Scheinwerfern und parkte unauffällig abseits.

Sein Netzwerk erstreckte sich nicht nur bis zur Chinesischen Basis am Südpol, sondern auch nach China selbst, wo er Freunde in den Frachtkellern der Terminals hatte. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage galten auch in diesem lunaren Schattenreich diplomatischer Beziehungen. Geschäftssinn, Gier und menschliche Bedürfnisse fanden immer einen Weg – den Hector gut kannte und fleißig befuhr, und das ausschließlich mit ausgeschaltetem Transponder. Dafür bot sein Wohnmobil viele kleine Verstecke für seine Mitbringsel und auch Platz für Passagiere, meist weibliche. Er lieferte sie gelegentlich diskret am Chalet ab, aber auch an den Mannschaftsquartieren einiger Baustellen. Er deutete außerdem an, dass die Platzierungen der chinesischen Straßensperren für ihn auch nicht immer so ganz überraschend wären, er habe Informanten und Freunde überall.

So war Hector insbesondere im Chalet de la Lune eine Schlüsselfigur, war dies doch nicht nur die feinste Adresse auf dem Mond, sondern auch ein Ort gehobenen Vergnügens, eine Anlaufstelle des internationalen Jetsets. Im dortigen Casino und dem zugehörigen Nachtclub, dem Sankt Moritz, war Hector derjenige, ohne den dort nichts laufen würde, zumindest nichts, was gewisse Leute unter Spaß verstanden. Er war der Partymeister des Chalets, seiner Hafenbar, die er im Rahmen seiner lunaren Freibeutereien immer wieder ansteuerte und versorgte, mit Dingen und Dienstleistungen, die nicht auf der Speisekarte standen, die gute Kontakte und regelmäßige Besuche in Port Navel erforderten – dort insbesondere zu den Leuten, die für das Entladen der Fracht zuständig waren. Anders ausgedrückt: Hector war ein Dealer und Zuhälter.

 

ARISTARCHUS

"Wenn du in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund in dich" (Friedrich Nietzsche)

„Was sind das für Baracken?“, fragte ich und zeigte auf eine Ansammlung schäbiger Wohnmodule, die zu einem Halbkreis gestapelt waren.

„Da sind die Arbeiter und die Strafgefangenen untergebracht.“

Und dann sah ich sie: Figuren in orangefarbenen Raumanzügen, mit Fußketten aneinander gefesselt, die mit großen Schaufeln Regolith auf ein Fließband schippten. Als wir näherkamen, hörten wir im Kanal Plus traurige Gesänge.

„Das sind Sträflinge, hauptsächlich Investmentbanker“, sagte Christopher.

Daher also der Name der Holperstrecke, die an den staubigen Anlagen entlangführte. „Warum sind sie denn angekettet? Ist das nicht etwas übertrieben?“

„Letztes Jahr hat es einen Zwischenfall gegeben“, erzählte Christopher. „Einer von denen kam plötzlich in die Lounge und fragte an der Bar nach einem Gin-Tonic.“

„Klingt doch ganz sympathisch.“

„War dummerweise der ehemalige CEO von Goldman Sachs, ein richtig harter Psychopath. Die Mädchen hatten Angst vor ihm, er hatte ein irres Flackern im Blick.“

Nachdem wir hinter den Anlagen durch eine Lücke im Kraterrand von Prinz gefahren waren, gelangten wir auf eine viel befahrene Piste nach Westen. „Du fährst einfach immer geradeaus“, sagte Christopher und machte es sich auf dem Beifahrersitz bequem.

 

NEW MOON CEREMONY

"Ich hätte es nicht gesehen, wenn ich es nicht geglaubt hätte" (Marshall McLuhan)

Offenbar würde man später in einem großen Kreis um die Plattform mit den Trommlern sitzen, es hatten schon einige Leute im zuckenden Halbdunkel Platz genommen. Ich schlenderte zwischen den Bäumen entlang, die die Lichtung und den noch lückenhaften Sitzkreis umgaben. Es war mir kaum möglich, einzelne Gesichter auszumachen; man hielt sich im Verborgenen und huschte umher, meist in kleinen Gruppen, es wurde wenig gesprochen und ohnehin alles vom Getrommel übertönt: innere Einkehr auf das Bevorstehende, was immer es auch sein mochte.

Auf einem Tisch standen kleine Schälchen neben einer vollen Schüssel - offenbar eine Bowle, die noch nicht freigegeben war. Etwas abseits davon bemalten sich Leute gegenseitig ihre nackten Arme und Oberkörper mit fluoreszierenden Farben. Ich verfolgte, wie bunte Muster auf mondbleiche Haut aufgetragen wurden, Kriegsbemalungen im Flackerschein. Die leuchtenden Kringel und Serpentinen vervollständigten sich zu erkennbaren Strukturen, zumeist Schlangen. Diejenigen, die bereits welche auf ihre Körper tätowiert hatten, malten sie mit den Farben aus, die Augen traten dabei besonders hervor.

Randall, am heutigen Abend Hausherr und Gastgeber zugleich, war nur am orangefarbenen Sarong und seinen roten Locken zu erkennen. Er trug eine mit grünen Blättern verkleidete Maske, was etwas Mittelalterlich-Gotisches hatte, und war damit beschäftigt, gleiche Masken auch an die Anwesenden zu verteilen. Als er mir eine in die Hand drückte, raunte er mir etwas zu, das Wort Novize kam darin vor. Ich setzte die Maske nur zu gerne auf, um in der Gruppe zu verschwinden - obwohl davon nicht wirklich die Rede sein konnte, war ich doch der Einzige, der Overall und Stiefel trug.

Es erschien mir weder angemessen, in diesem maskierten Heidentum unverbindlichen Plaudereien nachzugehen, noch hatte ich das Bedürfnis, der üblichen Kleingruppenbildung nachzugehen. Ich entschied, diese von Cocktailpartys bekannte Systemebene zu überspringen und auf die Nächsthöhere zu warten, nämlich die des kollektiven Gruppenerlebnisses, das sich hier zweifellos anbahnte. Auch wollte ich nicht der Versuchung erliegen, danach zu fragen, was denn gleich stattfinden würde - war ich doch vollauf damit zufrieden, das Spektakel bei seiner Entfaltung zu beobachten.

 

BLACK CIRCLE

"Informieren Sie unsere Exekutionsabteilung" (James Bond: Feuerball)

Und wie aufs Stichwort kam ein roter Sportwagen angebraust, anders konnte man ihn gar nicht bezeichnen: ein feuerroter offener Moover, ein zigarrenförmiger Zweisitzer mit freistehenden Rädern, wie ein Rennwagen aus alten Zeiten. Der Fahrer hatte den Flitzer gut im Griff, denn er bremste erst im allerletzten Moment und kam in einer schlitternden Kurve direkt vor unseren Stiefeln zum Stehen. Er schwang sich aus dem offenen Cockpit, und eine Begrüßung erklang im Helmlautsprecher. „Buongiorno! Die Herren sind aufgeräumt – mit Grund, mit Grund. Ein prächtiger Morgen! Der Himmel ist schwarz, die Sonne lacht. Man könnte in der Tat vergessen, wo man sich befindet.“

„Buongiorno, Signore Sforza“, begrüßte Nathan den Neuzugang.

Sforzas Raumanzug glänzte perlmuttfarben im Sonnenlicht. Die Hosenbeine hatten einen leichten Schlag über den Stiefeln, und mit den aufgestickten Mustern aus Glitzersteinchen sah der Italiener aus wie ein Elvis mit Helm.

„Signore Sforza, Sie kommen keinen Moment zu früh, wir haben Sie erwartet“, begrüßte ich unseren neu angekommenen Mitspieler. „Den Wagen können Sie ruhig hier stehen lassen, wir haben Valet Parking.“

Bella Machina, oder?“, rief Battista Sforza. „Aus Italia, von 2028, noch mit Nickel-Rhodium-Batterien, aus Privatbesitz. Originalzustand, matching numbers, lackiert in Rosso Sunfire, ein Einzelstück!“

„Der würde unserem Dottore sicher gefallen, er interessiert sich für solche Dinge“, sagte ich, um etwas Konversation zu betreiben. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Ivan seine Handschuhe zu Fäusten ballte. Vielleicht hatte er kalte Finger.

Sforza stapfte in seinem glitzernden Elvis-Raumanzug auf die Beifahrerseite des roten Flitzers und hob ein schmales Golfbag heraus, mit höchstens sechs oder sieben Schlägern darin. „Ich sehe, man reist bescheiden“, sagte Nathan. „Dürfen wir Sie hinüber zu unserem Golfcart begleiten? Das Turnier wird gleich beginnen.“

 

VERNISSAGE

"It´s the sizzle, not the sausage" (Boris Johnson)

Es war ein neuer Gast an den Tisch gekommen. Ein glatzköpfiger Herr unbestimmbaren Alters in weißem Nadelstreifenanzug mit Weste. Er trug ein rotes Einstecktuch und ein Monokel auf dem Auge, das durch eine feine silberne Kette mit seinem rechten Ohrläppchen verbunden war. Auf seiner linken Schulter saß ein Leguan.

„Darf ich vorstellen, meine verehrten Tischgenossen: Ludovin von Lubitsch, ein Mann der ganz alten Schule, erleuchtet von tiefstem Verständnis für die wahre Wesenheit der Dinge. Bist eben angekommen, was? Ich hoffe, du hattest du eine gute Reise?“, fragte LePoing den Neuzugang.

„Ja, direkt aus Puerto Navell, mit einem Gemüsetransporter, und auf dem Flug hierher stank es nach Kotze. Der Mond ist unglaublich langweilig, und die geringe Schwerkraft macht mich verrückt. Ich glaube, ich reise direkt wieder ab.“

„Setz dich doch erst einmal zu uns. Darf ich dir ein Getränk bringen lassen?“

„Einen doppelten Scotch. Und eine Schale Wasser für meinen Leguan. Er ist durstig, er hat auf der Fahrt hierher einen Kanarienvogel gefressen“, sagte von Lubitsch an Zoe gerichtet, die an den Tisch herangetreten war.

„Einen doppelten?“, fragte sie, ihren skeptischen Blick auf die Echse gerichtet.

„Ja, aber ohne Eis. Und keine Angst vor dem Leguan, Iblis steht nicht auf Mädchen. Er ist homosexuell.“

„Wir haben aber nur Gin-Tonic.“

„Was, keinen Whisky? Dann bitte die Weinkarte.“

„Ich lasse Ihnen eine bringen“, flötete Zoe und verschwand erleichtert.

„Mit was für Luschen sitzt du hier eigentlich am Tisch?“, fragte von Lubitsch mit einem verächtlichen Blick in die Runde. „Und wo steckt dein ungewaschener Manager, dieser Mufti?“

„Omar ist in unserer Suite und übt Gesellschaftstänze für morgen Abend. Naja, vielleicht masturbiert er auch. Und ich diskutiere mit diesen übrigens ganz reizenden Herrschaften – wirklich, Lubi, sonst säße ich nicht hier – über die menschliche Zivilisation als Gesamtkunstwerk. Darüber hast du doch promoviert, du alter Schurke, nicht wahr?“

„Ja, aber das war im Meskalinrausch, ich kann mich an nichts mehr erinnern. Und es war auch nicht von einem Gesamtkunstwerk die Rede, sondern von der menschlichen Kultur als Konzeptkunst – das gilt insbesondere für den Faschismus und die Religionen“, erklärte von Lubitsch und biss verächtlich in einen Apfel, der als Deko auf dem Tisch gelegen hatte.

 

ECCE ROBO

"Was hat der Spiegel gesagt? Er hat von den Menschen die Nase voll" (Ken Kesey)

DJ Pablo hatte mittlerweile das Regiment übernommen und stand mit seinem Deck an einem Tisch, den wir am Zugang zum Spielzimmer aufgestellt hatten.

Ich stattete ihm einen Besuch ab. Pablo war der Resident-DJ im Chalet de la Lune, wo er auch aufgelegt hatte, als wir mit Alains Yacht feiern gewesen waren – dort hatte er auch seit Längerem an jener Musik getüftelt, die er hyperdimensional nannte. Das entnahm ich zumindest seinen Ausführungen, die er mit zuteil werden ließ, als ich neben ihm an seinem Deck stand. „Ich entwickle die Tracks nicht auf einer linearen Zeitachse, sondern auf Schleifen im Hyperraum, in der fünften Dimension“, erzählte er. „Die können wir zwar nicht sehen oder uns vorstellen – aber sie ist mathematisch einwandfrei vorhanden. Das Ergebnis ist die vierdimensionale Abbildung fünfdimensionaler Musik, so wie dreidimensionale Objekte auf einer zweidimensionalen Oberfläche wiedergegeben werden.“

Aha. „Und wie entwickelt man Klänge in der fünften Dimension, wenn man sie nicht hören oder visualisieren kann?“, fragte ich.

„Ich komponiere sie indirekt, über Rechenmodelle. Das erfordert viel Übung, das Resultat ist schließlich nicht vorhersehbar. Aber nach einer Weile hat man es raus. Der Effekt ist ein Knaller. Lass dich überraschen!“ Pablo schaute mich triumphierend an und schob sich seine Kopfhörer wieder über die Ohren.

Er hatte schon während des Abendessens mit seinem Set begonnen, aber zunächst war es nur eine zufällige Wiedergabe irgendwelcher Musik der letzten Jahrhunderte gewesen; die Liste, auf die sein Random-Modus dabei zugegriffen hatte, war als musikalisches Vermächtnis der Menschheit eine entsprechend bizarre Mischung. Eine Suite von Bach wurde von knisternder Banjo-Musik abgelöst, balinesischem Gamelan-Geklimper, Kirmestechno, Jazz und mittelalterlichen Chorälen. Pablo wollte damit noch einmal das Bisherige zusammenfassen, um es dann mit dem Kommenden abzulösen. Zum eigentlichen Beginn der Vernissage hatte er dankenswerter Weise strukturierend in die Wiedergabelisten eingegriffen und die Exkursionen der Gäste in die Weißräume von Starseed mit leichter elektronischer Musik begleitet.

Als er dann seine hyperdimensionale Musik zu spielen begann, kamen die Erinnerungen an die Nacht im Chalet wieder hoch. Das übliche Geklöppel wurde überlagert von Geräuschen, die nicht einfach nur hineingemixt waren, sondern nach einer Weile ein seltsames Eigenleben entwickelten. Der Effekt trat aber nur ein, wenn man nicht genau hinhörte, sich nicht auf die Musik konzentrierte, sondern die Ohren sozusagen auf unscharf schaltete. Pablos Musik beförderte traumhafte Bilder aus den Tiefen des Unbewussten, die auf gespenstische Weise mit den Klängen korrespondierten - sie schienen sie sogar zu erzeugen. Nach einer Weile glaubte man ganz sicher, dass die Musik der eigenen Imagination entstammte, und man fragte sich, ob andere das auch hören konnten. Allerdings musste man sich darauf einlassen, es schien nicht bei jedem zu funktionieren, denn ich sah verwunderte und ratlose Gesichter an der Bar und auf dem Umgang, Golfspieler und Pauschaltouristen. Das sollte Musik sein? Wenn diese Frage gestellt wurde, war das immer der Anfang von etwas Neuem und Großem.

 

MAGIC MOOVER

"Astronauten und Hippies haben kein Fluidum um sich herum. Sie haben gleichsam ihre Hülle verloren" (Norman Mailer)

Es war wie auf einer Klassenfahrt. In jener fröhlichen Stunde, in der wir uns gegenseitig vor der Surveyor-Sonde fotografierten, stellten wir einigen Nachholbedarf zur Schau. Die Coolness, die wir diesbezüglich in Levania sonst an den Tag legten, wo es absolut verpönt war, auch nur an Fotos zu denken – sie war völlig verschwunden, wir waren einfach nur fröhliche Touristen vor einer Sehenswürdigkeit. Unser Gruppenfoto vor der Surveyor III: elf Gestalten in Raumanzügen mit verspiegelten Visieren, und in der Mitte Buzz, mit dem strahlenden Lächeln von Pete Conrad. Und wenn man genau hinsah, ließ sich über der Szene ein schwacher Schimmer erkennen. Vielleicht war es unsere Gruppenseele.

Zum Abschied stellte Harry noch ein Gastgeschenk an eines der Landebeine der Surveyor. Es war das Meisterwerk der katholischen Späterotik, das er aus der Klokabine des Busses geholt hatte. Schließlich verabschiedeten wir uns von der Sonde und stapften munter schwatzend zurück in Richtung des geparkten Busses. Als wir wieder oben auf dem flachen Rand des kleinen Kraters angekommen waren, erstarrten wir in Fassungslosigkeit. Der Bus war verschwunden.

Natürlich nicht spurlos, denn auf dem Mond verschwinden keine Spuren. Die Reifenabdrücke des Busses führten zum nahegelegenen Horizont und glänzten im grellen Licht der Sonne. Alle riefen aufgeregt durcheinander.

„Das kann doch nicht wahr sein!“, war Leos Stimme zu hören. „Alle mal durchzählen – war noch jemand im Bus?“

„Nein, wir sind vollständig“, sagte Harry. „Naja, abgesehen von Lawrence vielleicht.“

„Sehr witzig.“

„Jetzt können wir auf jeden Fall die Frage beantworten, ob wir im Bus sind oder nicht. Wir sind es alle definitiv nicht“, sagte Harry.

„Ich frage mich, wieso ihr das so lustig findet. Wir haben hier eine echt beschissene Situation!“, sagte Amanda mit leicht verzweifeltem Unterton.

„Buzz“, fragte Leo. „Kannst du uns erklären, was hier los ist?“

„Ihr solltet mal nach unten schauen“, kam die kühle Antwort des Roboters. „Auf die Fußabdrücke. Nur ein kleiner Tipp.“

Elf verspiegelte Visiere sahen nach unten, auf das Durcheinander der Stiefelabdrücke im Mondstaub. Sie stammten von uns. Und von 1969. Na und? Dann der erschrockene Schrei in unseren Helmlautsprechern. Er kam von Marissa. „Seht euch das an! Hier – direkt vor mir!“

„Was denn?“

„Fußabdrücke!“

„Ja, Marissa, davon gibt es hier hunderte. Die sind von uns, und von den Astronauten von …“

„Nein! Ich meine nicht die Stiefel. Ich rede von Fußabdrücken!“ Sie beugte sich hinab und zeigte mit dem Zeigefinger ihres Handschuhs vor sich in den Mondstaub. Und dann sahen wir sie auch: Es waren Fußabdrücke. Ballen und Zehen. Ein urvertrauter Anblick, seit Millionen von Jahren. In der Savanne. Am Strand. Aber nicht hier auf dem Mond.

„Buzz - ich bitte dich um eine Erklärung“, sagte Leo mit tonloser Stimme.

„Dreht euch einfach um“, empfahl der Roboter.

 

KRATER HOLZIG

"Sound formed in a vacuum may seem a waste of time" (New Order)

Ursprünglich hatten wir die Full-Moon-Party in der Sporthalle geplant, aber es war Leos Idee gewesen, sie unter freiem Himmel stattfinden zu lassen: tanzen im Raumanzug, bei hellem Sonnenschein und Vollmond. Uns gefiel die Ironie, dass der Mond dabei nicht hoch am Himmel stehen, sondern die staubige Tanzfläche bilden würde. Natürlich würde es unmöglich sein, dabei mit Drinks herumzulaufen, aber das Konzept war einfach zu absurd und zu verlockend, um es nicht wenigstens einmal auszuprobieren.

Da wir außerhalb der Sichtweite unserer Hotelgäste und Golftouristen feiern wollten, kam die unmittelbare Umgebung von Levania nicht in Frage, und so hatten Tony und ich tagelang auf unseren Scootern die weitere Umgebung erkundet, auf der Suche nach einem geeigneten Ort. Als wir ihn zum ersten Mal sahen, war uns sofort klar, dass es genau dort stattfinden musste: Ein Krater von einer halben Meile Durchmesser, eine perfekte kleine Arena, eine Stunde von Levania entfernt. Ihn hatte noch nie jemand zuvor betreten. Ein Tiefschneekrater.

Es war der Krater Holzig.

 

DEATH RATTLE

"In the dust that gathers forever, we are spirits, making no sound" (Electronic)

„Warum rufen sie keine Hilfe? Was ist mit ihren Raumanzügen?“

„Sie haben keine Kraft mehr. Wir können ihnen hier nicht helfen. Wir müssen sofort zurück! Los, Beeilung!“

Wir rannten zu den virtuellen Scootern und fuhren los. Mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit rasten wir durch die Simulation des Plateaus, bis wir endlich die Serpentinen an der Kante von Prinz erreichten. „Los, wir springen!“, rief ich. „Die Serpentinen dauern viel zu lange.“

„Was? Da runter? Das ist eine halbe Meile! Das überleben wir niemals!“

„Sélène - wir befinden uns in einer Simulation und liegen ganz gemütlich in deiner Wohnung. Was soll schon passieren?“

„Okay. Versuchen wir´s.“

„Da vorne zur Klippe!“ Wir fuhren ein Stück den Kraterrand entlang, bis wir an eine Stelle kamen, an der wir direkt über der Ebene von Prinz standen. Es war wirklich sehr, sehr hoch – Simulation hin oder her. Wir fuhren ein Stück zurück und stellten uns mit den Scootern in Position. „Okay! Eins … zwei … drei!“, rief Sélène. Wir gaben Gas und rasten mit den Rollern auf den Abgrund zu.

Wir flogen in die Tiefe. Es dauerte unglaublich lange. Mein Scooter neigte sich bedenklich zur Seite, und ich befürchtete, beim Aufprall unter ihm begraben zu werden. Ich ließ den Lenker los und löste mich vom Sitz, bis ich frei durch den Raum schwebte. Auf gleicher Höhe flog Sélènes Venus-Statue mit ausgebreiteten Armen durch das virtuelle Vakuum, darüber trudelte ihr Roller. Eigentlich war es großartig, wie ein Fallschirmsprung – es war nicht einmal schwer, dabei eine stabile Fluglage einzunehmen. Auch wenn es nur eine Simulation war, jagte ein Adrenalin-Schub durch meinen Körper; abgrundtiefe Panik und fliegende Hochgefühle wechselten einander ab. An Lawrence und Mama Africa konnte ich dabei nicht denken, eher schon an die schwangere Venus neben mir, die im gleißenden Sonnenlicht dem näher und immer näher kommenden Kraterboden entgegenstürzte. Hoffentlich würde sie unten nicht in tausend marmorweiße Scherben zerbrechen. Nicht, dass dies einen ernsthaften Einfluss auf unser Wohlergehen in der behaglichen Realität von Sélènes Haus hätte – aber kämen wir als antiker Scherbenhaufen auf virtuellem Kratergrund jemals wieder zurück in die Damentoilette der Lounge?

Als der Mondboden auf uns zukam, schloss ich die Augen, wusste aber nicht, welche Körperhaltung ich einnehmen sollte. Mich zusammenrollen? Ich entschied in den letzten Sekunden des Sturzes, mich in eine aufrechte Position zu begeben, mit den Füßen zuerst, als würde ich von einem Stuhl hinabspringen. Auch wenn die Simulation unsere Fallgeschwindigkeit richtig zu berechnen schien, konnte und musste der Aufprall doch nur virtuell sein. Und so war es. Fast zeitgleich setzten unsere Statuen auf dem Mondboden auf und federten mit den Knien ab, wir kippten nicht einmal um. Das war es auch schon, wir waren gelandet.

Unsere virtuellen Scooter prallten nur wenige Meter entfernt in kleinen Staubwolken in den Mondstaub, blieben aber intakt. Wir richteten sie auf und fuhren so schnell es ging nach Levania.

Die Beerdigung fand drei Tage später auf dem kleinen Friedhof von Levania statt, in einem Tal namens Uncanny Valley, einige Meilen nördlich von Pleroma. Dort befanden sich bereits über ein Dutzend Gräber, auch die von Battista Sforza und dem japanischen Fotografen Kenzo Tarawa, den Randall vor einigen Monaten hinter dem ICB entdeckt hatte - in ein Leinentuch gehüllt, eine Chrysantheme fest mit der Hand umklammert.

Wir hatten die Gäste für die Dauer der Zeremonie mit einer Notbesatzung in Levania zurückgelassen. Einige Touristen hatten mich besorgt gefragt, ob es ein Problem gäbe und das Hotel gerade evakuiert würde? Ich brauchte aber bloß auf die schwarze Binde zu verweisen, die alle an den Overalls und Raumanzügen trugen; auch die Fahrzeuge, mit denen wir in einem endlos langen Konvoi die Moonatic Lane hinauffuhren, waren mit schwarzen Fähnchen bestückt. Eine Gruppe von Golfspielern auf der Bahn 18 salutierte bei unserem Anblick. Es hatte etwas von einem lunaren Staatsbegräbnis.

Eine Beisetzung auf dem Mond war für die Mitarbeiter und Residents im Fall der Fälle das normale Prozedere; eine Heimführung zur Erde musste ansonsten als Verfügung mit einem entsprechenden Guthaben hinterlegt werden. Meines Wissens gab es in Pleroma aber niemanden, der auf diese Weise vorgesorgt hätte. Da See- und Feuerbestattungen mangels Elementen nicht in Frage kamen, hatte dafür das klassische Zeremoniell der Beisetzung den Sprung auf den Mond geschafft. Die Särge waren zweckentfremdet als gefüllte Transportkisten hierhergelangt, und standen in einiger Zahl diskret im Schutzkeller bereit. Über die nicht stattfindende Verwesung mochte man lieber nicht nachdenken, und entsprechend wurden bei den Beisetzungen Hinweise auf Asche und Staub ausgespart.

 

TERMINATOR

"God gave us the darkness, so we could see the stars" (Johnny Cash)

Am Großen Fenster gesellten wir uns zu Arun Abschad, Theowulf und Dr. Berghoff, die Sélène ausgiebig mit Küsschen rechts und links begrüßten. Sie warteten mit Gin-Tonics auf den Untergang der Sonne, die bereits zur Hälfte hinter dem westlichen Kraterrand verschwunden war. Ihr Versinken am Horizont spielte sich auf dem Mond deutlich langsamer ab als auf der Erde - schließlich brauchte die Sonne hier zwei Wochen, um einmal am Firmament entlangzuwandern, nicht nur einen Tag. Da auf dem Mond die Atmosphäre fehlte, gab es natürlich auch keine Dämmerung; die Grenzlinie zwischen Hell und Dunkel war sehr scharf geschnitten, und man konnte ihr zusehen, wie sie im Schritttempo über die Mondschaft wanderte. Diese unerbittlich fortschreitende Linie, die der Finsternis vorausging, trug einen Namen: Terminator.

Am Großen Fenster beobachteten wir, wie die Schwärze sich langsam von Osten auf Levania zubewegte und die Mondschaft unwiederbringlich hinter sich zu verschlucken schien. Sélène fasste mich an der Hand, der Terminator hatte fast die Lounge erreicht. Dann sahen wir es.

In der dunklen Zone, die langsam auf uns zuwanderte, erschienen auf einmal Lichter. Ich hielt sie zunächst für Reflektionen im Fenster, denn sie entsprachen der Form und Größe nach nichts, was man normalerweise auf dem Mond sehen würde. Es waren nicht die Scheinwerfer eines Moovers, vielmehr sah es aus wie ein ganzes Gebäude, das sich in unsere Richtung bewegte. Die Lichter näherten sich der Terminatorlinie und kamen direkt auf uns zu - bis aus dem Dunkel der Rumpf eines gewaltigen Fahrzeugs in das letzte verschwindende Sonnenlicht tauchte. Verblüfft sahen wir, was dort direkt vor unseren Augen an der Lounge vorbeirollte. Eine gigantische Yacht auf Rädern.

 

DIE USE RETIRE

"Please allow me to introduce myself, I´m a man of wealth and taste" (Rolling Stones)

 

Wir traten in einen kleinen, geschlossenen Vorraum, als wir hinter uns wieder die sanfte Stimme des Sumoringers hörten. „Wenn Sie die Güte hätten, die Schuhe auszuziehen?“

Sélène und ich schauten uns belustigt an und zogen die Füßlinge aus. „Sie werden gleich geheiligten Boden betreten“, erklärte Maro. „Das Parkett des Empyreums ist aus jenem Bodhi-Baum gefertigt, unter dem Siddhartha Gautama einst seine Erleuchtung erfuhr. Aber seien Sie unbesorgt, es gibt selbstverständlich eine Fußbodenheizung.“

Dann waren wir soweit. Es konnte losgehen. Wir würden nun dem Herrn gegenübertreten. Vor uns glitt eine doppelflügelige Tür lautlos zur Seite. Es war einer jener Momente – der Augenblick, als wir das Empyreum in Chesters Yacht betraten. Ein großer Raum, eher ein Saal, angenehm hell, perfekt gleichmäßig beleuchtet und genau wie die Eingangshalle fast völlig leer, zugleich aber erfüllt von der Präsenz des bleichen älteren Mannes, der hinter einem matt leuchtenden Globus stand. Michael Nimitz Chester. Er war kahlköpfig und mit einem weißen Kimono bekleidet. Die schimmernde Kugel des Erdballs verlieh ihm die Aura eines Wahrsagers oder Hohepriesters. Er lächelte uns erwartungsvoll an.

Beide Seiten des Saals waren raumhoch verglast. Links war die dunkle Mondschaft des Plateaus zu sehen, rechts hatten wir einen tiefen, weiten Blick in den Krater Prinz. Obwohl keine Lichtquellen zu erkennen waren, schien der Saal aus sich selbst heraus zu leuchten; es war beinahe, als ob Chester den Raum mit Licht erfüllte. Dann erst bemerkten wir, dass er nicht allein war. In einer hinteren Ecke des Saals scharrte eine große weiße Katze in einer bronzenen Schale, gefüllt mit Katzenstreu. Wir standen regungslos am Eingang, als sich hinter uns die Tür leise schloss. Ich drehte mich um, der Sumoringer war verschwunden. Wir waren allein mit Chester. Der helle Parkettboden war angenehm warm unter unseren nackten Füßen.

„Ich bin erfreut, euch kennenzulernen, meine Kinder“, verkündete Chester mit freundlicher Stimme und deutete mit einer Hand hinter sich. „Und darf ich auch meinen kleinen Freund vorstellen: das ist Lux. Ein Albino-Luchs, der dort gerade in einer fünftausend Jahre alten mesopotamischen Opferschale sitzt. Eine Dauerleihgabe aus dem Nationalmuseum in Bagdad.“

„Scheißen Sie auch in gestohlene Antiquitäten, wenn Sie Ihre Geschäfte verrichten?“, fragte Sélène frostig.

 

KATANA

"Wir gehen immer nach Hause" (Novalis)

„So? Wie hast du es dann gemeint? Bereust du es jetzt, mit einer überzeugten Terroristin eine Familie zu gründen?“

„Ich liebe dich, und - ich weiß ja, dass du aus Überzeugung gehandelt hast …“

„Allerdings habe ich das! Das haben wir alle! Ist dir eigentlich klar, dass diese Leute in den Chefetagen, in den Banken … dass sie Millionen von Menschen auf dem Gewissen haben, ihre Existenzen zerstört, ihre Lebensgrundlagen, alles – nur für den Profit? Und das Militär? Die Politiker? Es geht ihnen nur um Macht und Geld. Diese Leute sind die wahren Massenmörder, und Chester ist ihr Anführer!“

„Das ist mir klar, aber…“

„Und – wie stehst du dazu?“, zischte Sélène. „Du hast dich bisher nie dazu geäußert, wie du über Black Circle denkst. Für dich war es einfach nur eine super Geschichte, als sich Sforza am achtzehnten Loch den Helm abgenommen hat, oder? Ich wette, ihr habt euch abends an der Bar noch darüber lustig gemacht. Hey, wenn das meine Kumpels auf der Erde wüssten … was ich, der ewig oberflächliche und coole Darian, hier auf dem Mond alles so erlebe. Hey, alles so geil hier, und bitte noch einen Gin-Tonic …!“

 

MANDARIN

"You monkeys only think you are running things" (Terence McKenna)

Das Schicksal hatte sich mit der Wucht eines Panzers in Bewegung gesetzt. Wir konnten alle nur unsere Positionen einnehmen und das tun, was wir tun mussten, oder besser gelassen hätten.

Die drei Tage, in denen ich mich zur Liegekur in dem Hotelzimmer im Obergeschoss verstecken durfte, waren kein Tag zu viel oder zu wenig. Die meiste Zeit hatte ich im Bett verbracht, in einem von Dämonen und Erinnerungen heimgesuchten Halbschlaf, zwischen Wahnsinn und Resignation, mit immer wieder aufkeimendem Lebenswillen - mal schwächer, mal stärker.

Am Morgen des vierten Tages war ich schließlich soweit und erklärte mich wieder für einsatzbereit. Ich sehnte mich nach Routine, nach ganz normaler Arbeit, am liebsten hier im Hotel, bloß nicht oben in Garden Eden; Tische decken und Geschirr abräumen, an der Rezeption arbeiten, solche Sachen.

 

SUNSHINE

"Der Weltuntergang ist kein Problem. Er würde die Probleme nur auslöschen." (Ernst Jünger)

Die Offiziersmesse war ein kleiner Salon in der zweiten Etage, mit raumhoher Fensterfront mit Blick auf die abgestellten Flugmaschinen, einer Bar und einem halben Dutzend Tische. Fast alle Oberflächenwaren mit Folie in fein gemaserter Holzoptik beklebt; da hier dieselben luftgefüllten Sessel standen wie in unserer Lounge, fühlte ich mich fast wie zu Hause. Ich musste mich zurückhalten, nicht direkt an die Bar zu gehen und einen Gin-Tonic zu bestellen.

Als General Marcus hereintrat, wurde Haltung angenommen, es gab begrüßendes Gemurmel. Ich schlich hinterher und fühlte mich in meinem Raumanzug eher unpassend gekleidet, denn ich war von einem Publikum umgeben, das perfekt in den Laden passte – militärische Overalls und Uniformen, Mützen und vereinzelte britische Offiziersschnurrbärte. Man rauchte sogar Pfeife. Die Messe von Port Navel war sicherlich der beste Ort auf dem Mond, um die kommenden Ereignisse und Entscheidungen zu verfolgen. Was auch immer geschehen würde, ich saß direkt an der Quelle.

 
 

good luck